26. Juni 2013
"Lesung aus den Tagebuchaufzeichnungen von Friedrich Kellner (1885 - 1970) Justizinspektor bei dem Amtsgericht Laubach (1933- 1948) Bezirksrevisor bei dem Landgericht Gießen (1948- 1950) "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne""
Harald Pfeiffer, Stadttheater Gießen; mit Anmerkungen aus justiz- und zeitgeschichtlicher Perspektive Dr. Wilhelm Wolf, Präsident des Landgerichts Gießen
um 18.00 Uhr c.t. im Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse, 2. OG, Neue Mainzer Str. 49, Frankfurt am Main. Parkmöglichkeiten bestehen im Parkhaus Junghofstraße oder Goetheplatz.

Zum Vorleser: Harald Pfeiffer; geb. in Wien; 1973-1976 Schauspielausbildung am Max Reinhardt-Seminar Wien; Engagements am Theater der Courage Wien, am Staatstheater Oldenburg, am Landestheater Linz, an den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel und seit 1998 am Stadttheater Gießen; freiberufliche Tätigkeit für Hörfunk und Fernsehen, u.a. für ZDF, ORF, NDR und HR, auch als Sprecher für Hörspiele, Literatur und Musik.

Zum Referenten: Dr. Wilhelm Wolf; geb. in München; Studium der Rechtswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe - Universität Frankfurt am Main (1989-1993); wiss. Assistent am Lehrstuhl für Juristische Zeitgeschichte und Zivilrecht (1994-1996); Promotion zum Dr. iur. (1997); Auszeichnung mit dem Werner-Pünder-Preis (1997); RA bei Pünder, Volhard, Weber & Axster (bis 1999); Richter am AG (2001); Leiter des Referats für Parlamentsangelegenheiten im Hessischen Ministerium der Justiz (2004-2006); Vizepräsident des LG Gießen (2006-2008); Präsident des LG Fulda (2008-2010); Präsident des LG Gießen und Vorsitzender einer Zivilkammer (seit 2010).

Zur Lesung: Im Mai 2005 stellte der ehemalige US-Präsident George Bush sen. der Öffentlichkeit in der nach ihm benannten Presidential Library in College Station, Texas, das Kriegstagebuch des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner als Mahnung an künftige Generationen vor, Diktaturen und staatsfinanziertem Terrorismus entschieden zu begegnen. Der bekennende Sozialdemokrat und Gegner Hitlers hatte in seinen im September 1938 einsetzenden Tagebuchaufzeichnungen nicht nur seine eigenen Ängste, Befürchtungen und alltäglichen Bedrängnisse während des Nationalsozialismus niedergelegt, sondern immer eindringlicher den alle Lebensbereiche umfassenden propagandistischen Umgang eines totalitären Regimes mit der Wahrheit detaillierter empirischer Analyse unterzogen und seine Ergebnisse niedergelegt. So finden sich Ausschnitte aus Tageszeitungen und anderen öffentlich zugänglichen Informationsquellen wie etwa dem Reichsgesetzblatt, deren spezifische Sprache und Redewendungen Kirchner decodierte und mit der Realität kontrastierte. Ohne den philologischen Anspruch seines Zeitgenossen Victor Klemperer, aber mit erstaunlichem Sprachgefühl und gefestigtem demokratischen Bewusstsein enthüllte er in seinen Tagebuchaufzeichnungen die zentralen Merkmale der von ihm gefundenen lingua tertii imperii. Die Rechtspolitik und die Justiz im nationalsozialistischen deutschen Reich wie im damaligen Gießener Landgerichtsbezirk entgingen dabei seiner Aufmerksamkeit nicht. Die Lesung soll sich auf diese Passagen der Tagebuchaufzeichnungen konzentrieren und will damit einen Beitrag zur allgemeinen, aber auch zur spezifischer hessischen Justizgeschichte liefern. Die Anmerkungen versuchen eine Einordnung in den Kontext des aktuellen Stands der rechts- und allgemeinhistorischen Erkenntnis.